Die Kunst des Waafns

Der Dialekt unserer Region kennt viele Begriffe, bei deren Nennung selbst eingefleischte Franken nur ungläubig die Augenbrauen hochziehen können: „Hoonstandn“ ist dafür ein gutes Beispiel. Das Unverständnis, das derlei Vokabeln auslösen, liegt im Verschwinden jener Objekte begründet, die sie einst umschrieben haben. So versteckt sich hinter der „Hoonstandn“ ein eisernes Gestell, das Platz für eine Waschschüssel und den zugehörigen Wasserkrug bot. Es ist demnach nicht etwa so, dass Sprache – insbesondere die Mundart – eine feste, nicht veränderbare Struktur vorweist, sondern sie sich ganz im Gegenteil den Gepflogenheiten der einzelnen Generationen anpasst und damit auch spannende Einblicke in die jeweilige Lebenswelt ermöglicht. Die Hoonstandn mag verschwunden sein, nachdem mittlerweile Waschbecken mit fließendem Wasser zum ganz alltäglichen Luxus gehören, doch kam stattdessen das „Wischkästla“ neu dazu, das eben jenes kleine Objekt umschreibt, auf das insbesondere jüngere Generationen beinahe minütlich einen sehnsuchtsvollen Blick werfen.

Du alda Schnappswaafn ...

Während also die Gesellschaft ihr Gepflogenheiten ändert, passt sich auch die Sprache an. Dabei fällt auf, dass insbesondere das Fränkische nicht davor zurückscheut, auch bis dato unbekannte Dinge mit einem adäquaten Wörtchen zu bedenken, um so nicht deren fremdsprachliche Namen benutzen zu müssen. Dieses Vermögen der fränkischen Zunge führt zugleich dazu, dass man mit ihr einiges an Zeit einsparen kann: Während beispielsweise das Hochdeutsche „den geselligen Austausch von Informationen“ kennt, sagen wir schlichtweg „Waafn“ dazu. Es ist bis heute nicht gelungen, die vielfältigen Bedeutungen dieses kleinen Wörtchens eins zu eins zu übertragen, was auch daran liegen mag, dass es per se nicht allein das „Sprechen“ bedeutet, sondern faktisch das gesellschaftliche Leben in seiner Gänze umschreibt. Ursprünglich nämlich deutete „Waafn“ auf eine meist während des Winters ausgeübte Tätigkeit hin, die im Hofer Land, einem der Zentren der Weberei, seit dem Hochmittelalter ausgeübt worden ist. Aufgrund schlechter klimatischer Verhältnisse suchten die Bewohner der Region recht bald nach der Besiedlung – die wir in das 11. Jahrhundert datieren können – nach einem Nebenerwerb, solange keine Landwirtschaft möglich wäre. Im Anbau von Flachs und dessen Weiterverarbeitung zu Leinenware fanden sie schließlich eine adäquate Lösung. Fortan also werkelte man während des Frühjahrs und Sommers auf den Feldern, ehe man sich im Herbst und Winter in die Stube zurückzog, um dort zu Spinnen und zu Weben. Wann genau man auf die Idee gekommen ist, den gesponnen Faden mithilfe einer „Weife“ aufzuwickeln, ist nicht bekannt, doch ist es just jenes unscheinbare Objekt, das im Zentrum der „Waaferei“ stand. War der Faden fertig, musste man ihn abmessen, um so möglichst viel auf die Spule für das Schiffchen zu bekommen, ohne es zu übertreiben und sie so beim Abwickeln zu blockieren. Jenes genaue Abmessen der Garnlänge übernahm die Weife: Einmal in Schwung gesetzt, nahmen die Holme des Rads den Faden mit und bewegten bei jeder Umdrehung zwei kleine Rädchen, die schlussendlich ein Blättchen spannten und es zum „Schnalzen“ brachten, sobald eine gewisse Garnlänge aufgewickelt war. Da man während der Arbeit mit der Weife nicht mitzählen oder aufpassen musste, zog es die Menschen recht schnell in die Rocken- oder Hutzenstuben, wo man, während jeder an der Weife drehte, die Neuigkeiten aus dem Dorfleben austauschen konnte. Man „waafte“ demnach „middnanner“. Immer wieder kam es dabei vor, dass bei besonders hitzigen Debatten das Schnappgeräusch der Weife überhört wurde, was den entsprechenden Personen den – ebenfalls bis heute gebräuchlichen – Spitznamen „Schnappswaafn“ einbrachte.

Anders also, als bei der Hoonstandn, blieb die Waafn bis heute erhalten, selbst wenn das Objekt, von dem sich das Wörtchen ableitete, mittlerweile ebenso verschwunden ist, wie das Wissen um seine genaue Herkunft. Und doch zeigt das Beispiel wunderbar, wie stark Kultur, Sprache und Lebensart einer Region miteinander verbunden sind. Denn wenngleich die „Waafn“ nicht mehr genutzt wird, ist es selbst den einfallsreichen Franken bis heute nicht gelungen, ein modernes Äquivalent zu diesem unscheinbaren Wörtchen zu finden, das ein hohes gesellschaftliches Gut absolut treffend umschreibt.

Anders also, als bei der Hoonstandn, blieb die Waafn bis heute erhalten, selbst wenn das Objekt, von dem sich das Wörtchen ableitete, mittlerweile ebenso verschwunden ist, wie das Wissen um seine genaue Herkunft. Und doch zeigt das Beispiel wunderbar, wie stark Kultur, Sprache und Lebensart einer Region miteinander verbunden sind. Denn wenngleich die „Waafn“ nicht mehr genutzt wird, ist es selbst den einfallsreichen Franken bis heute nicht gelungen, ein modernes Äquivalent zu diesem unscheinbaren Wörtchen zu finden, das ein hohes gesellschaftliches Gut absolut treffend umschreibt.

Text: Adrian Roßner
Foto: Gemeinfrei

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