Kleine Kultur

Wer durch die Straßen unserer Städte und Gemeinden zieht, kann sie an manchen Ecken noch erspähen: Wenn der moderne Putz abblättert oder die grautriste Eternit-Verkleidung den Wirren der Zeiten nichts mehr entgegensetzen kann, lugen immer wieder die Spuren der Geschichte hervor. Das Fachwerk, das sich schüchtern in den Blick schiebt, die historische Backsteinmauer, die von Ruß und Rauch geschwärzt vom arbeitsamen Leben der Menschen erzählt, die vor teils über einhundert Jahren an ihr entlangeilten, oder auch das barocke Zierelement im Sandstein, das nur noch in Ansätzen jenen Prunk zu vermitteln vermag, für den es einst geschaffen worden ist. 

Wir leben in einer Zeit, die sich schneller verändert und entwickelt als jemals zuvor, die scheinbar „kurzlebiger“ geworden ist und anstelle der Reparatur des Alten einfach die Schaffung von etwas Neuem in den Blickpunkt rückt. Überall fallen, während Sie, werte Leser, diese Zeilen überfliegen, die letzten Zeugen der bewegten Vergangenheit unserer Region dem Abrissbagger zum Opfer, womit auch die Geschichten, die sie erzählen könnten, ein für alle Mal verschwinden. Wenn an dieser Stelle Ihre Augenbraue zweifelnd nach oben zuckt, weil Ihnen genügend positive Beispiele für eine gelungene „Rettung“ historischer Bausubstanz einfallen, dann haben Sie grundsätzlich vollends Recht. Und dennoch wage ich zu behaupten, dass ein Großteil dessen, was die Identität der Landschaft über die letzten Jahrhunderte geprägt hat, zwischenzeitlich droht, in Vergessenheit zu geraten. Immerhin wird diese, das Charakteristikum einer Region oder auch dessen ganz eigene „Kultur“ nicht allein von den berühmten oberen Zehntausend geprägt, sondern umfasst – lapidar formuliert – eigentlich alles, woran ein Mensch beteiligt gewesen ist. 

Und dennoch, obwohl die Kultur schon allein aus ihrer eigenen Definition heraus vielfältig und ebenso bunt vor uns liegt, neigen wir noch immer dazu, sie in erster Linie der hohen Kunst vorzuhalten. Was, so die Frage, hat eine Fabrik aus dem 19. Jahrhundert an Kultur zu bieten, wenn doch in ihrer direkten Nachbarschaft das barocke Prunkschlösschen steht? Wieso sollte man ein „hässliches Gebäude“ der Nachkriegszeit höher schätzen als das ansprechende Fachwerkgebäude?

Wir müssen damit beginnen, der Kultur ihren eigentlichen Facettenreichtum von Neuem zuzusprechen und erkennen, dass auch auf den ersten Blick „lapidare“ Spuren menschlichen Wirkens, wie ein Handwerkerhäuschen oder eine Fabrik, ihre Bedeutung haben. Sicher sind sie keineswegs mehr wert als das beispielhafte Barockgebäude – aber eben auch nicht weniger. Noch dazu bieten sie etwas, das gerade in der modernen, so schnelllebigen Zeit von elementarer Bedeutung ist: Beständigkeit und eine ganz eigene, unverfälschte Sicht auf die Dinge, wie sie sind, ohne dabei ästhetischem Denken entsprechen zu müssen. Nicht hochglanzpoliert schieben sich die abschätzig als „Brachen“ bezeichneten Objekte in den Blick, sondern von den Spuren ihrer langen Existenz gezeichnet. Genau dadurch aber, laden sie uns ein, ihrer Vergangenheit auf den Grund zu gehen: Uns auf eine spannende Reise zu begeben und dabei „die andere Seite“ der in vielen Fällen „personalisierten Geschichte“ zu betrachten. Immerhin sind jene Bauten dazu in der Lage, uns die Geschichten zu erzählen, die im Sog der großen Entwicklungen oftmals keine Beachtung gefunden haben, die aber unsere Landschaft, unsere Region und deren Kultur weitaus stärker geprägt haben als die Entscheidungen „der Großen“. Noch also gibt es sie: Die letzten Zeugen, die uns dazu einladen, der bodenständigen, einmaligen Identität unserer Heimat nachzuspüren. Doch werden sie, wenn wir nicht damit beginnen, auch Ihnen das Recht auf Existenz zuzuerkennen und Ihre Bedeutung wahrzunehmen, für immer verstummen. Das bedeutet explizit nicht, dass wir grundsätzlich „alles Alte“ auf Gedeih und Verderb erhalten und damit den benötigten Investitionen im Wege stehen sollten. Aber es bedarf einer Kompromissbereitschaft von allen Seiten, um die zukünftige Entwicklung unserer Region auf deren eigener Tradition aufzubauen. Die Integration von Alt und Neu wäre eine der Möglichkeiten; aber auch die Schaffung von „Erinnerungsorten“, die, wenngleich das eigentliche Gebäude weichen musste, erlauben, sich der Geschichten, die es einst erzählte, bewusst zu werden. Nur so kann es uns gelingen, die Buntscheckigkeit unserer Gesellschaft adäquat abzubilden, ihre Einmaligkeit zu erhalten und uns gegen die graue, auswechselbare Tristesse zu positionieren.

Wir leben in einer Zeit, die sich schneller verändert und entwickelt als jemals zuvor, die scheinbar „kurzlebiger“ geworden ist und anstelle der Reparatur des Alten einfach die Schaffung von etwas Neuem in den Blickpunkt rückt.

Text: Adrian Roßner

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